Die Reserve-Garnison: Hauptquartier Schule

Wolfratshausen wird Militärstandort

"Große wirtschaftliche Not und soziales Elend" gibt es laut Heinrich Jost
in Wolfratshausen, als er 1936 als Bürgermeister in den Markt kommt.
In seinem Bemühen, den Ort wirtschaftlich zu stärken, wendet sich
der Nationalsozialist am 26. August auch an das Militär.


Er bittet das Luftkreiskommando V und das Wehrkreiskommando VII
in München, "bei eventueller Einrichtung von neuen Standorten (...) Wolfratshausen (...) als Standort vormerken zu wollen".
Die Gemeinde, so schreibt Jost weiter, "glaubt über genügend tiefe
und lange Strecken Gelände, die landwirtschaftlich nicht genutzt sind,
zu verfügen".

In seinem in untertänigem Ton gehaltenen Schreiben lockt Jost
die Wehrmacht mit "weitgehendstem Entgegenkommen".
Für Unterkünfte und Exerzierplätze werde Grund zur Verfügung gestellt, selbst wenn dafür Enteignungen privater Eigentümer notwendig wären, verspricht der Bürgermeister den Militärs.

Die Gemeinde werde, schreibt Jost, "mit allen gesetzlichen Mitteln
unter Einschaltung höherer Dienststellen" die Grundstücke erwerben.
Nach Meinung des Bürgermeisters ist Wolfratshausen
auch für motorisierte Einheiten geeignet, wegen der günstigen Lage
an der Reichsstraße München-Mittenwald (heute B11).




Bewachung der Kriegsgefangenen

Aber Jost ist zu spät dran. Die Wehrertüchtigung Deutschlands
im Hinblick auf kommende Eroberungskriege läuft längst.
Am 9. Oktober 1936 lässt Major Maier im Auftrag des Chefs
des Generalstabs den "Herrn Oberbürgermeister" wissen,
dass "der Heeresaufbau in seinen Grundzügen festgelegt ist".
Aber: "Sollte sich in Zukunft die Notwendigkeit zur Bildung neuer Standorte ergeben, wird das Generalkommando sich gerne der Bereitwilligkeit
des Marktes Wolfratshausen erinnern."


Im Sommer 1940 - der Krieg ist bereits ein halbes Jahr alt,
Frankreich erobert - kommt das Militär doch:
Das Bataillon 435 der Landesschützen bezieht sein Hauptquartier
in Wolfratshausen. Allerdings sind die Landesschützen keine Frontsoldaten.

Ihre Aufgabe ist die Bewachung der immer zahlreicher zur Zwangsarbeit
in die Provinz abgeordneten Kriegsgefangenen. Sie kommen vor allem i
n den Rüstungswerken im Wolfratshauser Forst zum Einsatz,
aber auch auf den Bauernhöfen, deren Männer zur Wehrmacht
eingezogen sind, und in den Betrieben: Deutsche Arbeitskräfte
sind rar in dieser Zeit, in der alle Männer an die Front müssen.

Die Verteilung der Gefangenen besorgen die Ortsbauernführer
und die Bürgermeister. Bevölkerung und Gefangene pflegen
ein gutes Verhältnis zueinander - oft zum Argwohn der Partei.
Nach Kriegsende wirkt sich dies aber positiv aus:
Die Berichte der nach Hause zurückgekehrten Franzosen
erleichtern den deutschen Kriegsgefangenen in Frankreich ihr Schicksal.




Die Landesschützen in Wolfratshausen.




Bis Dachau und Schongau

Der Kommandobereich der Wolfratshauser Landesschützen reicht
von Dachau bis Garmisch und von Schongau bis zur Autobahn im Osten.
Das Bataillon zählt bis zu 5000 Soldaten - vor allem Männer,
die wegen körperlicher Gebrechen oder auch ihres Alters
nicht kriegstauglich sind.


Der Bataillonsstab wird in der alten Schule (heute Isarkaufkaus)
im Markt untergebracht. Weitere Kommandostellen sind
das Gasthaus "Grüner Baum" in Weidach, die "Alte Post"
und der "Haderbräu". Im "Loisachhof" am Obermarkt sind die Soldaten einquartiert, im (alten) Pfarrhof die unteren Offiziersgrade.
Im Vermessungsamt am Untermarkt (neben dem Rathaus)
werden die Truppen eingekleidet, im "Klösterl" der Armen Schulschwestern befindet sich die Waffenkammer.

Die Schreibstube logiert im "Schererbräu" und die Schneiderei
im "Löwenbräu". Besteht das Bataillon anfangs nur aus Bayern
und Westfalen, so werden später auch Sachsen und Wiener eingezogen.

Zunächst sind im Ort nur 40 Kriegsgefangene vorwiegend aus Polen eingesetzt. Sie wohnen in einem Behelfslager an der Königsdorfer Straße
und arbeiten unter anderem im Sägewerk Hatz, in der Kunstmühle Eichele (Weidach) und in der Molkerei Metzger.






Viele Fluchtversuche

Später werden aber in den größeren Orten im Oberland weitere Lager
für Tausende von Gefangenen eingerichtet. Die Bewachung wird
immer schwieriger. Fluchtversuche sind an der Tagesordnung.
Immerhin 1561 Ausländer aus 19 Staaten sind am 31. Januar 1944
in Wolfratshausen gemeldet (vermutlich ohne Rüstungsfabriken),
darunter 740 "zivilgefangene" Russen, 279 Franzosen und 141 Ukrainer.


In Wolfratshausen gewöhnt man sich schnell an die Präsenz des Militärs. Selbst Ortspfarrer Matthias Kern lobt die Soldaten:
"Ihr Verhalten ist einwandfrei, in der ersten Zeit fast kameradschaftlich." Hilfreich für das Ansehen der Landesschützen ist auch die Tatsache,
dass sie der Feuerwehr helfen und Luftschutzbunker bauen.

Beim Einmarsch der Amerikaner am 29. April 1945 erwirbt sich  Bataillons-Kommandeur Major Dr. Luber Verdienste um den Markt:
Gegen den Widerstand fanatischer SS-Truppen erzwingt er
unter Einsatz seines Lebens die kampflose Übergabe des Marktes.






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