1933 - nie wieder!


Als die Nazis im Januar 1933 die Macht übernahmen, war ich sieben Jahre
alt. Mit 21 Jahren wurde ich nach fast vier Jahren russischer
Gefangenschaft mit schwerer Distrophie in die besetzte und zerstörte
Heimat entlassen. Am 8. Februar 1945 hatten uns die Russen in
Schlesien überrollt. Meine Kameraden, alles 17-jährige Schüler, waren tot.

Für mich brach damals die Welt zusammen. Ich hatte ja keine andere gekannt. Kaum jemand kann sich das heute noch vorstellen. Um so verdienstvoller ist die Herausgabe dieses Buches mit zeitgenössischen Berichten aus dieser schlimmen Zeit.

Wie aber konnte es letztlich so weit kommen? Die Machtergreifung der Nationalsozialisten war etwas Neues, Vielversprechendes. In allen Städten und Dörfern rumorte es. Es war eine Suggestion dabei zu sein, dazu zu gehören, nicht zu spät zu kommen. Die massenhaften Parteieintritte waren nicht nur opportunistisch. Man rechnete in der breiten Masse nicht damit, dass Parteien aufgelöst würden. Der Volksjubel wirkte ansteckend.

Die kaiser- und königslose Zeit schien vorbei zu sein. Man hatte einen,
dem man zujubeln konnte. Es gab das Radio neuerdings, aus dem man in jedem Haus, in jeder Hütte die Stimme des Führers empfangen konnte.
Es war neu und eindrucksvoll. Ob er in München sprach oder in Berlin,
man konnte ihn hören.

Noch etwas kam dazu: Man glaubte, in der Welt wieder etwas darzustellen. Das Saarland war abgetrennt, die Ruhr besetzt, der Versailler Vertrag
lastete schwer auf der Wirtschaft. Für alle sollte es Arbeit und Brot geben.
Die ganze Misere der Zwanzigerjahre sollte vorbei sein, auch der Preisanstieg. Die Jugend kommt von der Straße, und Ordnung herrscht überall, so lauteten die Hoffnungen.

Auch hat man nie damit gerechnet, dass Hitler den Kirchen den Krieg erklären würde. Entfernt nicht dachte man an eine Kristallnacht oder
an einen Judenstern. Und dann war da ja die große Vaterfigur der Nation, Hindenburg, der Hitler schließlich einführte, der Tag von Potsdam als
Symbol der Versöhnung konservativer Kreise mit dem
nationalsozialistischen Umsturz.

Hitler erscheint den Zeitgenossen als moralistischer Rigorist und Saubermann. Die Maske fällt aber mit dem Erreichen der Macht.
Die Rüstung zum Krieg betrug sechs Jahre, und sechs Jahre währte
dann der Krieg selbst. Schon früh, da und dort, kam das Erwachen -
in breiter Front erst in den letzten Kriegsjahren, da wir ja durch die Luftangriffe den Krieg zu jedermanns Augen in der Heimat hatten.
Die kompletteste Niederlage unserer Geschichte hat unser Land
auf viele Jahre zerrissen - bis hin zu jenem glücklichen Datum der
deutschen Wiedervereinigung am 9. November 1989.

Wohin weist heute unser Weg? Niemand soll glauben, dass die niederen Instinkte, mit denen der Nationalsozialismus gearbeitet hat, auf
wundersame Weise aus den Menschen verschwunden wären.
Ich denke an Neid, Sadismus, Hang zu Gewalttätigkeiten und den
leicht zu entzündenden Hass auf Minderheiten. Ich erinnere nur an die zahlreichen Vorfälle im Zusammenhang mit Asylbewerbern,
Brandanschläge, öffentliche Diskriminierungen, ja sogar Mord und
Totschlag.

Dies alles zeigt uns, dass Vorsicht am Platz ist. Dass sehr schnell
vergessen wird. Innere Sicherheit vor politischen Verführungen ist uns keinesfalls angeboren, auch nicht nach den schrecklichen Erfahrungen
der NS-Zeit. Unsere Wachsamkeit ist deshalb besonders gefordert.

Von daher erfreut mich die Bereitschaft junger Menschen, für soziale Anliegen, Umweltschutz, Friedenssicherung oder andere aktuelle Themen einzutreten. Wir müssen miteinander diskutieren, aber auch bereit sein,
den Mitmenschen zu respektieren und zu tolerieren. Denn Intoleranz und Fanatismus sind die größten Übel in unserer Welt. Das vorliegende Werk
wird uns daran erinnern.


Bad Tölz, im November 1995                                                           
Dr. Otmar Huber,
Landrat



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Vorurteilsfrei auseinandersetzen

Die in diesem Band gesammelten Berichte und Dokumente über die NS-Zeit im Altlandkreis Wolfratshausen, über das Ende der Diktatur vor 50 Jahren und den Neubeginn danach erschienen im April und im Mai als Artikelserie
im "Isar-Loisachboten". Ich habe die Berichte damals mit großem Interesse gelesen, behandeln sie doch eine Zeit, die ich als Kind in Wolfratshausen selbst erlebt habe. An viele Dinge konnte ich mich noch erinnern, wieder andere kannte ich aus den Erzählungen meines Vaters, aber etliches
war mir nicht bekannt gewesen.

Es ist, denke ich, sehr wichtig, sich mit der damaligen Zeit auseinanderzusetzen - und zwar möglichst vorurteilsfrei. Wie leicht ist es,
mit dem Finger auf den anderen zu zeigen und ihm seine Fehler
vorzuwerfen. Fragen wir uns, wie wir uns selber verhalten hätten,
wenn wir vor 50, 60 Jahren während des Nazi-Regime gelebt hätten.

Fragen wir uns doch einmal, in welcher Weise wir uns in das System eingefügt hätten. Zum Widerstandskämpfer sind damals wie heute nur
wenige Menschen geboren. Also hüten wir uns, den Stab über
unseren Eltern und Großeltern zu brechen.

Die Geschichten, die in diesem Buch erzählt werden, geben Zeugnis auch vom Alltag in Wolfratshausen während des Dritten Reichs, ein Alltag,
den wir uns in unserer Demokratie nicht mehr vorstellen können,
ein Alltag mit Fahnengrüßen, der Allgegenwart von Uniformen, ein Alltag
mit Blockwarten und der Angst vor Dachau. Ebenso wenig in unsere Zeit passen die Armut und die wirtschaftliche Not der Menschen während und nach dem Krieg. Aber lassen wir uns nicht täuschen: Diese Zeit ist gerade einmal 50 Jahre vorbei.

Die Distanz von 50 Jahren ist sicherlich hilfreich für ein solches Buch,
mit dem auch Emotionen geweckt werden sollen. Die Familien, um die
es hier geht, gibt es immer noch. Und noch immer wird die Vergangenheit gerne unter der Decke gehalten. Warum? Für die Sünden der Vorväter
kann die heutige Generation nicht verantwortlich gemacht werden.
Darum werden in diesem Buch auch die Namen der vielen, vielen
Mitläufer und Nutznießer des Nazi-Regimes bewusst abgekürzt.

Gleichwohl können wir alle uns unserer Verantwortung nicht entziehen.
Soll niemand sagen, er habe nicht gewusst, was im Namen der Partei,
im Namen der NSDAP und Adolf Hitlers alles an Unrecht geschieht.
Es ist an jedem einzelnen, sich unabhängig von der damaligen Entnazifizierung mit seiner persönlichen Schuld auseinanderzusetzen.

50 Jahre nach dem "Todesmarsch" der Dachauer KZ-Häftlinge,
50 Jahre, nachdem Bomben auf Kirchen und Bauernhöfe im Landkreis Wolfratshausen fielen, 50 Jahre, nachdem die Menschen in die Wälder gingen, um Bucheckern zu sammeln.

Es ist Zeit, inne zu halten und sich bewusst zu machen, dass für die Freiheit und den Frieden, in dem wir heute leben, die uns unseren Wohlstand und unseren Individualismus ermöglichen, damals die Weichen gestellt wurden.

Das Ende ermöglichte den Neubeginn.


Wolfratshausen, im November 1995
Peter Finsterwalder, 1. Bürgermeister


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