Zug in den Tod


Wegen Zustroms von Juden

Keine Gegenstimme rührt sich im Rat der Marktgemeinde Wolfratshausen. Die Resolution, die die sieben "Volksvertreter" am 10. August 1933,
ein halbes Jahr
nach der Machtübergreifung der Nazis, beschließen,
ist eindeutig:


"Da die Ansässigmachung und Aufenthaltsnahme von Juden
im Markte Wolfratshausen immer mehr zunimmt, sei bei der Regierung vorstellig zu werden, wie dem Zustrom von Juden nach Wolfratshausen abgeholfen werden könnte."
Judenhetze auch im beschaulichen Wolfratshausen!


Jahrzehntelang waren die jüdischen Mitbürger im Markt hoch angesehen.
Ungefähr ab Mitte der 20er Jahre ändert sich in Wolfratshausen das Klima, also lange vor der Machtergreifung - der Antisemitismus findet immer mehr Anhänger. Wie viele Juden zu der Zeit in Wolfratshausen leben,
geht aus den vorhandenen Archivunterlagen nicht hervor -
bekannt sind lediglich vier Familien, die in Wolfratshausen
auch Grundbesitz haben.


Bekannt ist auch das jüdische Mädchenpensionat in der ehemaligen Kronmühle, das in der von den Nazis so genannten "Reichskristallnacht"
(9. November 1938), als im gesamten Deutschen Reich
die Synagogen brennen, von SS und SA gewaltsam geräumt wird.


Der antijüdischen Propaganda der Nazis ist die Kleinstadt von jeher
ein Dorn im Auge. Der 1927 nach Wolfratshausen strafversetzte
Starnberger Vermessungsbeamte Franz Buchner erinnert sich in
"Kamerad! Halt aus!" anno 1938:


"Kohlrabenschwarze Finsternis brütete über dem Ort.
Das Kreisstädtchen beherbergte neben einer Judenschule
auch eine Auslese von Angehörigen des erwählten Volkes
in seinen Mauern. Ausnahmsweise einmal ganz unvoreingenommen:
Der Stürmerzeichner 'Fips' übertrieb wirklich nicht mit seinen Zerrbildern.
Moses Freimark, Nathan Spatz, Karl Kraus waren Prachtexemplare
ihrer Rasse. Gab manche lustige Judenhatz. Der Viehjude Spatz
ging nicht mehr ohne seine Fleischerdogge aus dem Stall."


Am 3. April 1940 verlassen die letzten jüdischen Mitbürger,
Flora Spatz und deren damals 17jährige Tochter Herta Wolfratshausen.
Sie tun dies nicht freiwillig, und sie überleben dies wohl auch nicht lange.
Die letzte bekannte Adresse lautet Beethovenstraße 8 in München,
danach verliert sich ihre Spur.


Floras Schwägerin Cäcilia Spatz und deren Sohn Willi
besteigen in München einen Zug, der sie nach Riga bringen soll.
Der Zug kommt nie dort an - es ist ein Zug in den Tod.
Mutter und Sohn müssen sich in der Knorrstraße einfinden,
dürfen ihre Koffer mitnehmen, aber der Gepäckwagen wird,
Augenzeugen zufolge, noch auf dem Bahnhof in München abgehängt.


Eine Verwandte erinnert sich Jahrzehnte später vor allem an die Cilly genannte Cäcilia Spatz, die seit 1934 verwitwet ist: "Eine schneidige Frau. Und sie dachte,
sie würde in Riga wieder neue Freunde finden."



Telefon Nummer 3: Spatz

Dem Viehhändler Nathan Spatz und Ehefrau Mina, geborene Kirschbaum, wird 1908 vom Magistrat der Marktgemeinde Wolfratshausen
das Heimatrecht verliehen. Das Ehepaar hat drei Söhne:
Wilhelm (geboren 1893), Arthur (1894) und Hermann (1896, Foto).
Alle drei wachsen zu ehrbaren Wolfratshauser Bürgern heran.


Gute Freunde: Viehhändler Hermann Spatz (re.)
und Johann Fagner, Wirt des "Humplbräu".


Wilhelm, der studiert hat, stirbt früh - den "Heldentod fürs Vaterland"
am 2. Februar 1916 als Vize-Feldwebel im Ersten Weltkrieg.
Bruder Arthur kehrt von dort als hochdekorierter Offizier zurück.
1924 bauen Hermann und Arthur das Haus Nummer 278 1/5,
ein prächtiges Bürgerhaus, der frühere Wohlstand ist heute noch erkennbar.

Der Viehhandel Spatz & Co. floriert: Die Firma lädt zu Auktionen
in eigene Stallungen beim Humplbräu und
in München in der Rosenheimer Straße.
Die Spatz' haben sogar schon Telefon:
Sie sind erreichbar unter der Nummer 3 in Wolfratshausen.
Die Familie ist beliebt in der Marktgemeinde.

Mitte der 20er Jahre beginnen die Klimaveränderungen, eher schleichend, aber spürbar. Nach der Machtübernahme 1933 werden sie unübersehbar. Die jüdische Familie Spatz ist nun nicht länger willkommen
in ihrer Heimatgemeinde. Die Orts-NSDAP schaltet in der Zeitung
"Stürmer" einen Aufruf: "Keiner soll beim Juden Spatz einkaufen."

Andreas Stumpf, Chef der Wolfra-Süßmostherstellung in Wolfratshausen, schreibt: "Bekanntlich können sich ja die wenigsten Leute selbst ein Urteil bilden, die meisten glauben deshalb, was der Stürmer schrieb." Und:
"Die Juden sind vollkommen schutzlos dieser furchtbaren Hetze ausgesetzt."



Verdienter Patriot: Arthur Spatz kehrte aus dem
Ersten Weltkrieg als Sergeant zurück.



Marmelade für das Mobiliar

Arthur Spatz hat Glück, er erlebt die Vernichtung seiner Familie nicht mehr:
Er stirbt 1934 an einer Embolie. Hermann, Ehefrau Cäcilia, Sohn Wilhelm
und Arthurs Witwe Flora mit Tochter Herta werden im Ort geschnitten,
sie erhalten weniger Lebensmittel, sie müssen höhere Steuern zahlen.
1938 ahnen sie schon, daß sie ihre Heimat bald verlassen müssen.

Cäcilia Spatz geht zu Andreas Stumpf: "Sie sagt, dass sie nun auch
flüchten müsse, vorher würde sie gern ihre Wohnungseinrichtung verwerten. Wir gehen hin und sehen uns die Einrichtung an, sie war tatsächlich erstklassig. Herr und Frau Spatz ersuchen uns, ihnen für die Einrichtung verschiedene Lebensmittel zu liefern. Wir versprechen, für 1800 Mark Fruchtsäfte, Marmelade und anderes zu geben."

Am 12. November 1938 schreibt das Tagblatt:
"Wolfratshausen wurde judenfrei!"
Bei einer "spontanen Aktion" seien in der Nacht zum 10. November
"sämtliche ortsansässigen Juden" ausgewiesen worden.

Der Partei mag dies gefallen haben, aber die Meldung ist falsch:
Zwar ist die jüdische Mädchenschule  tatsächlich geschlossen,
aber noch eineinhalb Jahre leben mehrere Mitglieder der Familie Spatz
in Wolfratshausen. Aber nicht mehr in ihrem eigenen Haus.
Das verkaufen sie auf Druck der Regierung von Oberbayern
am 30. Januar 1939 für 40.000 Mark an Lorenz V.,
den Kantinenwirt der Munitionsfabrik im Wolfratshauser Forst.
Das Geld geht auf ein Sperrkonto.

Über V. heißt es in einem Schreiben vom Oktober 1946:
"Er soll ein Parteigenosse übelster Sorte gewesen sein,
der seine politischen Beziehungen auszunützen verstand,
um sich Vorteile und Vermögen zu verschaffen."

Hofraum und Ställe werden von der Munitionsfabrik im Forst
als Lagerplatz gepachtet, und auch der weitere Grundbesitz
wird für einen Spottpreis arisiert.
Die neuen Eigentümer sind reich geworden:
Ein Großteil der mehr als sechs Hektar Wiesen und Weiden
zwischen Farchet und Weidach sind mittlerweile Bauland.

Der weitere Leidensweg der Familie Spatz lässt sich aus den Akten rekonstruieren: Hermann kommt ins KZ Dachau und wird
aus nicht bekannten Gründen wieder freigelassen.
Mit Ehefrau Cäcilia und Sohn Willy zieht er am 23. Januar 1940 nach München in die Pettenkoferstraße 27a.
Am 30. Mai 1940 stirbt Hermann Spatz, tags darauf wird er auf dem Israelitischen Friedhof  begraben.
Die Todesursache ist nicht dokumentiert, auch auf dem Grabstein steht lediglich "Zum Gedenken an Hermann Spatz, Tod 1940".
Wie eine Verwandte nach dem Krieg berichtet, ist Hermann Spatz
zu Tode gespritzt worden.

Cäcilia, die ihren gelben Judenstern immer mit der Handtasche abdeckt,
und Sohn Willy werden nach Riga deportiert und umgebracht.

Der Vater von Cäcilia Spatz, Ludwig Holzer, und eine Tante von ihr,
Mina Einstein, werden 1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt und sterben dort. Ein Onkel, Benno Neuburger,
wird am 17. Dezember 1942 vom Volksgericht Berlin
wegen "Beleidigung des Führers"  zum Tode verurteilt und  hingerichtet.

Arthurs Witwe Flora und deren Tochter Herta ziehen im April 1940 nach München in die Beethovenstraße 8. Ihr weiteres Schicksal ist ungeklärt.

Auch der Vater von Hermann und Arthur, Nathan Spatz,
der bereits 1938 nach Frankfurt verzog, wird deportiert
(seine Ehefrau Mina starb schon 1931 eines natürlichen Todes).

Eine der wenigen Überlebenden der Familie ist eine in München lebende Schwester: Deren Sohn und dessen Frau verbringen ihren Lebensabend
im Spatz-Anwesen in Wolfratshausen.






Flucht ins Hotel: Familie Kraus

Neben den Spatz' werden noch andere Wolfratshauser Familien
Opfer der antijüdischen Hetze der NSDAP:

Julius Freimark, ein Verwandter der Spatz' und wie sie erfolgreicher Viehhändler mit eigenem Telefonanschluss (Nummer 99),
verlässt sein Haus Obermarkt 16 schon im August 1933
und zieht nach München. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

Auch Karl Kraus ist Viehhändler. Auch er bekommt den Antisemitismus
in Wolfratshausen mit voller Wucht zu spüren.
"Wolfra"-Chef Andreas Stumpf erinnert sich an eine Begegnung 1938:
"Durch Zufall treffe ich einmal den Juden Kraus vor dem Rathaus.
Als ich mit ihm spreche, sagt er: 'Reden Sie nicht mit mir;
wenn es da drüben von der Gemeindekanzlei jemand sieht,
bekommen Sie Unannehmlichkeiten.' Ich erwidere:
'Ich lasse mir nicht vorschreiben, mit wem ich rede.'"

Kurze Zeit später besucht Kraus den Unternehmer, schreibt Stumpf:
"Er hat uns mitgeteilt, dass er und seine Frau wegen der Verfolgungen auswandern müssen. Er fragt, ob ich ihm nicht etwas abkaufen könne,
damit sie die Kosten der Auswanderung bestreiten können.
Emma (Stumpfs Ehefrau, d. Autor) und ich besuchen ihn und seine Frau. Beide haben geweint wie kleine Kinder,
wir kaufen einiges Nymphenburger Porzellan von ihnen."

Die Eheleute Kraus müssen ihr Wohnhaus mit Stall
und ihre Remise mit Garten Ende 1938 unter Wert verkaufen.
Am 10. Januar 1939 meldet die Orts-NSDAP, dass die Kraus'
in München im Hotel Isabella leben. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt.





"Vorübergehend beschlagnahmt"

Die Jüdin Ida Knoblauch muss ihr Haus in Wolfratshausen nach der Reichsprogromnacht am 9. November 1938 verlassen. Die Wolfratshauserin  mit polnischem Pass zieht nach München in die Thierschstraße um.

Am 13. Januar 1939 schreibt ihr der Markt Wolfratshausen,
dass das Haus an der Münsinger Straße, da es "zur Zeit nicht benutzt" ist, "aufgrund polizeilicher Befugnisse vorübergehend beschlagnahmt" sei.
Zwei wegen eines abgebrochenen Hauses obdachlos gewordene Familien seien in die Zwei- und in die Drei-Zimmer-Wohnung einquartiert worden.

Ida Knoblauch lässt sich das nicht bieten. Sie schreibt zurück,
dass sie befürchtet, "dass aus der vorübergehenden Beschlagnahme
ein Dauerzustand" werde. Dies sei "eine unbillige Härte".

Die streitbare Dame schaltet auch das polnische Generalkonsulat ein:
Ein Teil ihrer Möbel sei auf die Veranda herausgestellt worden.
"Es dürfte zum Beispiel für das Klavier absolut unzuträglich sein,
im Winter auf einer zugigen, ungeheizten Veranda zu stehen."
Zudem könne es nicht angehen, daß der von den ungebetenen Mietern verbrauchte Strom zu ihren Lasten gehe.

Die Antwort des NS-Bürgermeisters Jost ist unerwartet höflich gehalten.
Er verspricht, innerhalb von acht Tagen ein neues Quartier
für die Mieter zu finden. "Nach dem Auszug werden die hinterstellten Möbel wieder an ihren ursprünglichen Platz verbracht werden." Zudem möge Frau Knoblauch noch Auskunft über den Mietwert ihres Hauses geben.
Die für das Polnische Generalkonsulat vorgesehene Kopie
dieses Schreibens  wird "vorerst nicht abgesandt".

Über das weitere Schicksal von Ida Knoblauch ist nichts bekannt.




    Vorbereitung auf Israel: Bis zu 100 junge Frauen wurden bis 1938
      in der jüdischen  Mädchenschule in der Kronmühle unterrichtet.



Um 4 Uhr früh kommen SS und SA

er Terror geht um 4 Uhr morgens los. Es ist der 10. November 1938.
50 SS-und SA-Leute stürmen die ehemalige Kronmühle
in der Beuerberger Straße. Zwei Stunden bekommt Käthe Künstler Zeit:
Bis um 6 Uhr müssen die Schulleiterin, ihre Lehrkräfte
und die 60 Schülerinnen der jüdischen Frauenfachschule (Foto)
Wolfratshausen verlassen haben.

Es gibt kein Pardon. Es gibt keine Minute Aufschub.
Nur die nötigsten Habseligkeiten dürfen die 14- bis 17jährigen Mädchen mitnehmen, nur soviel, wie in einen Koffer passt.
Um 10.10 Uhr verlässt der Zug den Wolfratshauser Bahnhof ...
und in München wartet schon die Gestapo.

Vier Jahre lang, von 1934 bis 1938, läßt es sich in Wolfratshausen
ganz gut leben für Käthe Künstler und ihre Schützlinge.
Die Einheimischen gehen mit den jüdischen Gästen "immer freundlich" um, wie sich Frau Künstler in einem Zeitungsinterview 1991 erinnerte.

Als 30-Jährige gründet die Lehrerin, eine gebürtige Breslauerin,
die Schule in Wolfratshausen. Sie will dort in ländlicher Umgebung
junge Mädchen auf ihre Rolle in Familie und Gesellschaft vorbereiten.
Die Räumlichkeiten in dem einstigen Hotel Reisert
(auch bekannt als Kronmühle) sind ideal. Käthe Künstler:
"Wir sind stolz darauf, daß Goethe auf einer seiner Reisen nach Italien irgendwann einmal in unserem Bauernhaus Station gemacht haben soll."

Anfangs sind es acht, später bis zu 100 Schülerinnen.
Der Lehrplan des Pensionats sieht Fächer wie Gesundheitstheorie, Säuglingspflege, Geflügelzucht, Nahrungsmittel-Chemie,
Waschen und Bügeln vor.

Im Deutschunterricht gehört Hitlers "Mein Kampf" zur Pflichtlektüre -
man will den Gegner kennen lernen. Aber auch auf die ab 1936
stärker werdende Judenhetze reagiert man. Gelehrt wird die "Ha Chara",
ein Schnellkurs für die Flucht ins Ausland. Englisch ist Pflichtfach.

Die Wochenendausflüge ins Oberland entfallen allerdings immer öfter,
"weil es Christen ja verboten ist, mit Juden zu sprechen
und wir niemanden in Verlegenheit bringen wollen",
wie Frau Künstler den Mädchen erklärt.

Die Vorbereitungen zahlen sich aus. Nach der Vertreibung
aus Wolfratshausen gelingt einigen Mädchen die Flucht.
Eine Mitarbeiterin des Isar-Loisachboten lernt 1985 in Israel
eine ehemalige Internatsschülerin kennen.

Auch Käthe Künstler entkommt: Über Frankreich flieht sie nach Israel.
1955 kehrt sie nach München zurück. 1973 bis1979 ist sie Vorsitzende
der "Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit".
Nach dem Ende ihrer Amtszeit wird sie
zur Ehrenvorsitzenden ernannt.
Käthe Künstler stirbt 1999 im Alter von 95 Jahren.




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