Hauptsache Arier: Wer nicht passt, wird sterilisiert



Vage Diagnose genügt bereits

Magdalena S., 31 Jahre alt, landwirtschaftliche Arbeiterin aus Hohenschäftlarn ist depressiv. Das heißt, sie gilt als depressiv,
denn Amtsarzt Dr. F. aus Starnberg ist sich nicht ganz sicher:
"Die Frage, (...) ob manisch-depressives oder
schizophrenes Irrsein vorliegt, muss (...) offengelassen werden".


Doch diese vage Diagnose reicht im Jahr 1934 aus, dass die AOK Wolfratshausen und die staatlichen Mediziner auf Beschluss des Erbgesundheitsgerichts in München das Leben von Magdalena S.
zerstören dürfen. Die junge Frau, so das Urteil, soll keine Kinder haben.


Zur Zwangssterilisation wird sie ins Wolfratshauser Krankenhaus
eingeliefert. Eine Routinesache für den stellvertretenden Krankenhausarzt
Dr. R. Über die Operation am 12. Januar 1935 vermerkt er lapidar:
"Bei dem Eingriff wurden die Eileiter durch Keilexcision entfernt.
Die Operation verlief regelgerecht. Die Wunde heilte in acht Tagen
ohne Nebenwirkungen" - wirklich?



Kein arischer Herrenmensch?

Der Fall S. ist nur einer von vielen ähnlichen im Landkreis Wolfratshausen. Grundlage dieser unmenschlichen Handlungen ist das
"Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" vom 14. Juli 1933.
Es richtet sich gegen all jene, die Hitlers Ideal vom
"arischen Herrenmenschen" nicht entsprechen.


Hierzu zählen laut NSDAP neben Hilfsschülern, auch Epileptiker, Schizophrene sowie Menschen, die an erblichen Mißbildungen leiden.
Das sind auch - welche Perversität - erbliche Blind- und Taubheit
(sogar Nachtblindheit), angeborene Hüftverrenkungen,
Kleinwüchsigkeit und schwerer Alkoholismus.


Dr. R. am Wolfratshauser Krankenhaus ist ein Übereifriger.
Denn zu jener Zeit, als die Zwangssterilisation von Magdalena S.
angeordnet, wird, gehört die Wolfratshauser Klinik (Foto) noch nicht
zu jenen, denen die Nationalsozialisten überhaupt die Genehmigung
zu solchen Operationen erteilt haben.


Am 27. Februar 1935 schreibt R. deshalb an die Bezirkskrankenhaus-Verwaltung in Starnberg: "Wir bitten,
die Genehmigung nachzusuchen, dass das Bezirkskrankenhaus Wolfratshausen zur Ausführung von Unfruchtbarmachungen
im Vollzug des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses
ermächtigt wird." Zwei Wochen später kommt der erwünschte Bescheid.



Ein dunkles Kapitel in der Geschichte des alten
Wolfratshauser Krankenhauses: In den 30er Jahren wurden
hier zahlreiche Zwangssterilisationen durchgeführt.




Eifrige Wolfratshauser Ärzte

Der Drang der Wolfratshauser Ärzte, es ihren eigenen Mitbürgern
unmöglich zu machen, eigene Kinder zu bekommen, ist sogar dem Bayerischen Innenministerium unheimlich. In einem vertraulichen Schreiben vom August 1934 wird kritisiert, dass Unfruchtbarmachungen
"in einigen Fällen auch ausgeführt (wurden), obwohl sich an den Geschlechtsorganen oder auch an anderen Körperteilen
der Betroffenen entzündliche Vorgänge abspielten".


Denn selbst in der Diktatur ist das Thema umstritten.
Es gilt höchste Geheimhaltung: "Die an dem Verfahren oder an der Ausführung des chirurgischen Eingriffs beteiligten Personen sind zur Verschwiegenheit verpflichtet."


Wer sich nicht daran hält, dem droht bis zu einem Jahr Gefängnis. Und die örtlichen Polizeistationen werden vom Bezirksamt Wolfratshausen
immer wieder aufgefordert, die Stimmung bei den Leuten zu erkunden.




"Geistliche nicht einverstanden"

Am 11. November 1935 teilt der Vorsteher der Gendamerie Ammerland mit: "Im ganzen Dienstbezirk wird die Auswirkung des
Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses nur begrüßt, insbesondere in solchen Gemeinden, die wegen solchen erbkranken Nachwuchses hohe Lasten zu tragen haben."


Von Gegnern des Gesetzes weiß der Polizist nichts,
"weil die gute Auswirkung jedem denkenden Menschen klar geworden ist". Lediglich "die einzelnen Geistlichen sind
mit dem Gesetz nicht einverstanden".


Aber die Ortspolizei soll auch denunzieren. Sie muss Listen über
"auffällige Personen", die zwangssterilisiert werden sollen, anfertigen.
Am 8. März 1936 besiegelt der Hauptstationsleiter R. aus Wolfratshausen
das Leben von elf Menschen: Zum Beispiel, das des verheirateten Hilfsarbeiters Johann M. aus Farchet. Er sei "Gewohnheitssäufer
und Raufbold". Ans Messer geliefert wird auch Karl D.,
der "geistig sehr minderwertig und Analphabet ist".


Auch vor Parteimitgliedern wird nicht Halt gemacht:
Die Gendamerie Deining meldet Anfang April 1936, dass der Bauer Anton L., Zweiter Bürgermeister von Ergertshausen, "einen Sohn namens Karl (hat), der durch einen Wasserkopf körperlich sehr verunstaltet ist,
und auch etwas geistesschwach sein soll."
Karl D. wird zur Zwangssterilisation ins Krankenhaus Wolfratshausen eingeliefert. Ein Widerspruch gegen die Urteile
des Erbgesundheitsgerichts ist nicht möglich.



Widerstand ist sinnlos

Um Opfer für Sterilisationen zu finden, ist den Nationalsozialisten
im Bezirk Wolfratshausen jedes Mittel recht. Über die 40jährige Bäuerin Katharina H. wird von der Orts-Polizei Königsdorf am 24. Juni 1935
an das Bezirksamt gemeldet, dass sie während des 1. Weltkriegs
für kurze Zeit in einer Nervenheilanstalt war.
Dort wurde sie aber als geheilt wieder entlassen.


Dem Bezirksamt genügt dieser Hinweis. Es fordert weitere Akten
über Katharina H. an - sie ist bereits Mutter von zwei gesunden Kindern -
und schickt sie am 9. Januar 1935 an das Erbgesundheitsgericht.
Dort wird ein schnelles Urteil gefällt. Für den 27. Februar 1935
wird die Unfruchtbarmachung der Bäuerin angeordnet.
Sie wird aufgefordert, sich "binnen 14 Tagen" in der
Universitäts-Frauenklinik München oder im
Krankenhaus München-Schwabing zu melden.


Katharina H. weigert sich. Der Termin verstreicht.
Am 27. Juni 1935 fragt das Bezirksamt Wolfratshausen an,
"wann Ihre Unfruchtbarmachung vorgenommen wurde."
Katharina H. antwortet nicht. Drei Wochen vergehen.
Sie erhält eine erneute Vorladung, sich zur Zwangssterilisation zu melden. Ende Juli schreibt sie an das Bezirksamt, dass ihr Glaube
eine solche Operation nicht zulasse. Nun droht die Behörde
der Frau, dass sie "unter Polizeizwang" eingewiesen werde.


Katharina H. gibt auf: Am 1. Oktober wird sie in München operiert.
16 Tage später darf sie wieder nach Hause. Da die Familie arm ist -
unter anderem lebt noch der 82jährige Vater mit im Haus -
bittet Ehemann Johann das Bezirksamt Wolfratshausen
um Rückerstattung der Kosten für die Bahnfahrt. Es folgt ein längerer Briefwechsel, bis H. schließlich endgültig mitgeteilt wird, dass die Familie
die Kosten für die Zwangssterilisation selbst zu übernehmen hat.


Ganze Familien betroffen

Hitlers Programm zur "Auslöschung unwerten Lebens" trifft anderswo
ganze Familien. In Moosham werden zur Jahreswende 1937/38
die vier Kinder des Bauern M. zwangssterilisiert. Maria (geboren 1902), Johann (1905), Therese (1909) und Georg (1914) hatten sogar
noch ein Gnadengesuch an Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess geschrieben - vergeblich.


Zwangssterilisiert werden Frauen und Männer auch auf
bloße Verleumdungen hin. In Deining ist davon unter anderem
die 1915 geborene Anastasia H. betroffen. Der Orts-Gendarm will
"auf vertraulichem Wege" herausgefunden haben, dass
"die H. in sittlicher Beziehung nicht recht gut (ist). Sie soll dauernd zwei Burschen nebeneinander haben und mit diesen geschlechtlich verkehren. (...) Dass nun die H. geistesbeschränkt sein kann, geht daraus hervor,
dass bereits eine Tante von ihr (die Bauerstochter Rosina H.)
in einer Irrenanstalt untergebracht ist".


Das Schicksal von Anastasia H. ist mit diesem Schreiben besiegelt.



Mitarbeit: Andreas Salch





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