Das Referat X

Pläne für die Fabrik Wolfratshausen


Zu den vordringlichsten Problemen, die der Landkreis Wolfratshausen
nach dem Krieg zu lösen hatte, gehörte die weitere Nutzung
der ehemaligen „Fabrik Wolfratshausen".
Landrat Willy Thieme gründete für die Verwertung der einstigen Waffenschmiede sehr vorausschauend eine eigene Abteilung,
das „Referat X". Dort wurde der Plan eines „Siedlungswerks" entwickelt.

Die ehemaligen Munitionsfabriken im Wolfratshauser Forst - das Gelände
der heutigen Stadt Geretsried -  war Problem und Chance zugleich.
Landrat Thieme am 26. August 1946 vor dem Kreistag:
„Die Notwendigkeit des Siedlungsbaus ist unbestritten,
durch den Bedarf an Arbeitskräften in der ,Fabrik Wolfratshausen'
und durch den Zuzug von Ausgewiesenen und Flüchtlingen im Landkreis."

Nach Vorstellungen des Landratsamts soll das Siedlungswerk
Platz für 6000 Menschen bieten, in 154 Vier- und 328 Einfamilienhäusern, insgesamt 944 Wohnungen. Träger der Maßnahme, über die Kosten
hat Thieme 1946 keinen Überblick, soll ein noch zu gründender Verein sein.

„Die Bauausführung erfolgt durch Wolfratshauser Baubetriebe,
die, soweit nicht vorhanden, errichtet werden."
Der Baubeginn ist für Frühjahr 1947 angesetzt.

Thieme hat außerordentlich früh die Möglichkeiten erkannt,
die sich durch die Industrieruine im Süden Wolfratshausens ergeben:
„Die Änderung der Wirtschaftsstruktur des Kreises (Industrialisierung)
kann nur begrüßt werden, denn sie erfolgt nicht planlos und gewaltsam, sondern wird sinnvoll aus den industriellen Gegebenheiten
und Möglichkeiten der vorhandenen Werkahlagen heraus entwickelt.
Sie stellt daher für den Kreis keine Belastung, sondern eine Entspannung dar", schreibt der Landrat anläßlich der Kreistagssitzung.

Thieme geht davon aus, dass sich durch die Industrie
„das soziale Milieu im Kreis verbessert und der Lebensstandard gehoben" werde. Die Fähigkeiten der im Landkreis ansässigen Flüchtlinge
- zu diesem Zeitpunkt rund 8000 - können in neuen Fabriken
„ideal zum Einsatz und zur Entfaltung gebracht werden".

Und nicht zuletzt sei die „Fabrik Wolfratshausen"
ein „Sicherheitsventil des Landkreises, denn sie kann infolge
ihres großen räumlichen und maschinellen Spielraums
im Falle einer Arbeitslosigkeit eine Unmasse von Menschen
wie ein Schwamm in sich aufnehmen und so den Kreis
vor einem wirtschaftlichen und finanziellen Ruin bewahren".

Der Landrat hat die Zeichen der Zeit gut erkannt:
Zwar wird das Siedlungswerk nie verwirklicht,
aber heute ist Geretsried die größte
und wirtschaftlich leistungsfähigste Kommune im Landkreis.


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