6 Mark Sitzungsgeld

Komplizierte Kreisfinanzen



Die Kreisräte der Nachkriegszeit verstanden ihr Amt
noch als wirkliches Ehrenamt: Die Aufwandsentschädigung
war mehr als bescheiden. Sie erhielten 3 Reichsmark,
wenn eine Sitzung den halben Tag dauert,
und 6 Reichsmark für den ganzen Tag.
Auch sonst war 1946 Sparsamkeit angesagt.

Das Verwaltungschaos ist auch ein Jahr nach dem Zusammenbruch
des Dritten Reichs groß. Obwohl die Beratungen über den Haushalt 1946
erst am 6. August stattfinden soll, sieht sich Landrat Willy Thieme
auch zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage, einen Plan vorzulegen;
was er bedauert:

„Es ist für alle Gemeinden, Kreise sowie für alle öffentlichen Einrichtungen zum Beginn des Rechnungsjahres die Erstellung von Haushaltsplänen bindend vorgeschrieben. Dies setzt jedoch voraus,
dass die Kassenverwaltungen annähernd übersehen können,
in welcher Höhe sich die Einnahmen und Ausgaben für das kommende Rechnungsjahr bewegen. Dies ist allerdings derzeit nicht der Fall."

Vor allem die Staatsfinanzen sind nach dem verlorenen Krieg völlig desolat. Dazu kommen, so Thieme, „ungeheure neue Aufgaben",
etwa wegen des Flüchtlingsproblems, des Zusammenbruchs der Industrie
und auch durch die Besatzungskosten. Der Landrat:
„Dieser Zustand muss sich zwangsläufig auch auf die Finanzierung
der untergeordneten Stellen auswirken."

Weder hat die Kreisverwaltung im August 1946 eine Ahnung, was der Staat an Schlüsselzuweisungen bezahlt, noch wie hoch die Anteile an Gewerbe- und Bürgersteuer sind. Unbekannt sind auch die Zuschüsse des Staates
für Fürsorge - heute spricht man von Sozialhilfe -,
für den Straßenbau und auch die Höhe der Bezirksumlage.

Selbst zur Erstellung der Jahresrechnung für 1945 fehlen
im darauffolgenden August noch wichtige Posten.
Thieme geht allerdings von einem Haushaltsvolumen in Höhe von
2,1 Millionen Reichsmark aus und einem Überschuß von 67 000 Mark.
Der größte Posten sind die Fürsorgezahlungen mit 908 000 Mark
und das Krankenhaus mit 265 000 Mark.

Die Kreisumlage wurde 1945 mit 39,2 Prozent angesetzt,
inzwischen (2007) sind es fast 53 Prozent.



Behörde hat fünf Autos

Hans Friedrich Graf von Pocci aus Ammerland gebührt die Ehre,
die erste Anfrage überhaupt an den Kreistag gerichtet zu haben.
Am 2. Juli 1946 bittet er den „Vorsitzenden des Kreistages Wolfratshausen, Herrn W. Thieme" um einen Bericht über die Zahl der Kraftfahrzeuge
am Landratsamt, „da hier erhebliche Einsparungen
getroffen werden können".

Die Antwort auf seine Anfrage erhält Graf Pocci in der Kreistagssitzung
einen Monat später: Nach dem detaillierten Bericht des zuständigen Sachgebietsleiters Karl Fuchs verfügt das Landratsamt zum 1. Juli 1946
über sechs Autos und drei Motorräder: Vier Opel, einen Mercedes
und einen Peugeot sowie eine DKW, eine Sachs-Motor und eine NSU Quick. Zu Kriegsbeginn 1939 hatten lediglich der Landrat und die Kreissparkasse einen Dienstwagen. Ob nach Poccis Anfrage tatsächlich Autos eingespart wurden, ist leider nicht bekannt.



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