Höflichkeit als Pflicht

Geschäftsordnung mit guten Vorsätzen


Der Aufbau der Kreisverwaltung ist
nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches
und der Übernahme der Staatsgewalt durch die Amerikaner
eine der vordringlichsten Aufgaben von Landrat Willy Thieme
und seinem Kreistag.

Rechtliche Grundlage ist die Geschäftsordnung.
Sie wird vom Kreistag in der zweiten Sitzung am 6. Juni 1946 verabschiedet. Manche Vorschriften haben sich bis heute kaum geändert,
andere wiederum muten reichlich seltsam an.

Das Landratsamt ist aufgeteilt in Referate, so wie heute auch.
Die Referatsleiter dürfen „im Auftrag" nur Dinge unterzeichnen,
die „von nicht entscheidender Bedeutung" sind.
Alle Kreistagsbeschlüsse, Verfügungen, Bekanntmachungen,
Weisungen und Berichte an die Militärregierung
werden von Thieme persönlich unterschrieben.

Sämtliche eingehende Post wird vom Landrat gelesen und verteilt,
sagt die Geschäftsordnung. Paragraf 7: „Bearbeitungsvermerke
des Amtsvorstandes sind sorgfältig zu beachten."
Telefonieren ist nur in Ausnahmefällen möglich und wenn,
dann müssen Aktenvermerke geschrieben werden.

Auch Pünktlichkeit wird von den Mitarbeitern erwartet: „Grobe Verstöße bei Einhaltung von Terminen sowohl durch Referenten wie auch
durch nachgeordnete Behörden (Bürgermeister usw.) sind dem Behördenleiter zur Meldung zu bringen" (Paragraph 9).

Sorgfalt ist im übrigen alles: „Geordnete Aktenführung ist eine
unbedingte Notwendigkeit. Umfangreiche Verhandlungen
sind in Umschlägen oder Aktendeckel zu lagern. Berichte von Gemeinden sind innerhalb des Aktes alphabetisch zu ordnen und zu heften. ( . .)
Vor Ablegung der Akten in die Registratur sind die Akten beim Bearbeiter selbst in völlig geordneten Zustand zubringen." (Paragraph 16).

Der Abschnitt III der Geschäftsordnung, der Verkehr mit der Bevölkerung", verdient es, in voller Länge zitiert zu werden. Was heute umständlich
über Verwaltungsreform und Steuerungsmodell verwirklicht werden soll,
ist dort in etwas komplizierten Worten festgeschrieben:
„Allen Behördenangehörigen wird zur besonderen Pflicht gemacht,
den Verkehr mit der Bevölkerung in freundlicher und höflicher Form abzuwickeln, den Antragstellern oder Ratsuchenden mit Geduld und Verständnis entgegen zu kommen, was unter Berücksichtigung
der gegenwärtigen Lage und der bestehenden Bestimmungen,
insbesondere unter Beachtung der durch die Militärregierung
ergangenen Gesetze und Verordnungen und Weisungen
der örtlichen Militärregierung bei vernünftiger Handhabung
bewilligt werden kann, zu gewähren
und notwendige ablehnende Entscheidungen
durch entsprechende Aufklärung der Verständnis der Betroffenen
nahe zu bringen."




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