Später feierlich

Thieme appelliert an die Kreistagskollegen


„Arbeiten und gemeinsam überlegen,
wie die gröbsten Schwierigkeiten beseitigt,
wie die dringendsten Sorgen vermindert werden können",
unter dieses Motto stellte Landrat Willy Thieme
die Arbeit des ersten Wolfratshauser Kreistages.

In der zweiten Sitzung am 26. August 1946 hielt der beredte Mann
eine Ansprache an die Kreisräte. Den Eindruck von Feierlichkeit
möchte Thieme angesichts der herrschenden Not allerdings vermeiden: „Feierlich können wir später einmal sein,
wenn wir die schwierigsten Dinge hinter uns gebracht haben."

Der Akzent der politischen Arbeit müsse auf der Gemeinsamkeit liegen,
sein Appell hat auch für die heutige Politik seine Gültigkeit nicht verloren: „Jeder müsste eine echte Befriedigung darin spüren,
die wunden Punkte seiner Gemeinde und seiner Wählerschaft
von Grund auf zu kennen, mit dem Nachbarn zu besprechen
und hier vor diesem Gremium seine Erfahrungen vorzutragen."

Der Kreistag, so Thieme, sei „eine kleine Regierung".
Er müsse diesem Anspruch aber auch gerecht werden.
"Ich will das Schlagwort Demokratie vermeiden, weil solche Dinge,
die man häufig im Munde führt, meistens in Wirklichkeit
gar nicht vorhanden sind. Deshalb meine ich, dass unsere Arbeit
hier ein Bild davon geben müsste, wie ein Kreis auf eine vernünftige Art
mit seinen eigenen Angelegenheiten fertig wird,
wie er in schlechten Zeiten für Arbeit sorgt
und seinen Haushalt trotzdem in Ordnung hält."

Darin, so meint der Landrat, würde man sich dann auch
„wesentlich von den Nationalsozialisten unterscheiden".
Diese hätte dadurch für Arbeit gesorgt,
dass sie Kanonen und Unterseeboote bauten
und dabei den Staatshaushalt in Unordnung brachten,
„wie noch nie in der Geschichte".

Willy Thieme: „Uns selbst regieren, das würde demnach bedeuten,
dass wir regelmäßig unsere Köpfe zusammenstecken,
um gemeinsam zu überlegen, wie unsere Sachen am besten in Ordnung
und über bestehende Schwierigkeiten hinweg zu bringen sind."

Der Landrat appelliert auch an die Kollegen Kreisräte,
pfleglich miteinander umzugehen:
„Der Ton und die Haltung, mit der wir hier unsere Ansichten austauschen, oder meinetwegen auch unsere gegnerischen Meinungen vortragen,
wird bestimmend sein für den Erfolg unserer Arbeit."

Der Kreistag sei kein Jahrmarkt, „auf dem ein Löwenbändiger
den anderen überschreit", sondern eine Versammlung
"von reifen Männern, deren Rechtlichkeit erprobt
und deren Unbestechlichkeit nachgewiesen ist."


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