CSU für SPD-Mann

Thieme wird erster frei gewählter Landrat


Zu seiner ersten Sitzung nach dem Krieg trifft sich der Kreistag
des Landkreises Wolfratshausen am 6. Juni 1946 nicht im Landratsamt
(dem heutigen Finanzamt) sondern im Sitzungssaal des Rathauses.
Auch der Sitzungsbeginn ist ungewöhnlich:
Um 10 Uhr beginnt die konstituierende Sitzung,
in der der Kreistag einen Landrat und den Kreisausschuss wählt.

Schützenhilfe bei der vielbeachteten Sitzung
- über 100 Zuhörer werden gezählt -
leistet die amerikanische Militärregierung,
die durch ihren ranghöchsten Offizier, Major Steers, durch Oberleutnant Ott und andere Offizielle vertreten wird. 

Wichtigster Tagesordnungspunkt ist die Wahl des Landrats.
Sowohl der Fraktionsführer der CSU, der Wolfratshauser Karl Fuchs,
wie auch sein SPD-Kollege Fritz Bauereis (Weidach)
bitten die Kreistagsmitglieder, ihre Stimme
„nach bestem Wissen und Gewissen so abzugeben,
wie jeder Einzelne es vor seiner Wählerschaft verantworten kann".

Bauereis schlägt seinen Parteifreund Willy Thieme vor,
der schon zwei Monate vorher von den Amerikanern
zum kommissarischen Landrat ernannt worden war.
Auch der Sprecher der Wiederaufbauvereinigung,
Hans-Friedrich Graf von Pocci aus Ammerland, spricht sich für Thieme aus, ebenso der Argeter Bürgermeister Josef Huber von der CSU.
Seine Partei, so der Appell, möge „unter Hintanstellung
ihrer parteipolitischen und persönlichen Interessen mitwirken
am Aufbau der Wirtschaft und des schwer darniederliegenden Landkreises".

Wie im Protokoll der Sitzung zu lesen ist, sind die Ansprachen
der einzelnen Redner „jeweils von Beifall begleitet".
Der kommt auch von der Tribüne, was Sitzungsleiter Thieme dazu veranlasst, die Glocke zu betätigen und jegliche Meinungsäußerungen der Besucher
zu unterbinden.

Die Wahl selber verläuft sehr gesittet:
Thieme bekommt 29 Stimmen, sein Kontrahent,
Martin Eichner aus Lochen, nur zwei Stimmen.
Zwei Stimmzettel werden leer abgegeben.

Anschließend wird der siebenköpfige Kreisausschuss gewählt.
Die CSU hat - wie heute noch - eine klare Mehrheit.
Sie entsendet mit Karl Fuchs, Josef Huber, Alois Schießl (Dietramszell),
Alfons Dröscher (Schäftlarn) und dem Wolfratshauser Löwenbräu-Wirt
Josef Schwaiger fünf Vertreter.
Die SPD bekommt zwei Ausschussmitglieder, neben Fritz Bauereis auch Franz Geiger aus Wolfratshausen. Beide waren schon vor der Nazizeit aktiv und hatten im Dritten Reich unter schweren Repressalien zu leiden.

Um 12.10 Uhr, nach gut zweistündiger Dauer, endet die erste Kreistagssitzung.


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